2021-08-01-Currenta-Explosion und LANUV-Analyse – erste Bewertung_Frank Pathe

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  • Erstellungsdatum 2. August 2021
  • Zuletzt aktualisiert 2. August 2021

2021-08-01-Currenta-Explosion und LANUV-Analyse - erste Bewertung_Frank Pathe

vorläufige Bewertung des LANUV-Bericht zum Explosionsunglück Currenta_Frank Pathe-KLL

vorläufige Bewertung der Analyseergebnisse des LANUV zum Currenta-Unglück

nach einer ersten Durchsicht des LANUV-Protokolls zur Explosion in Leverkusen-Bürrig lässt sich folgendes festhalten:

1. Meßzeitpunkt

Der Messwagen hat um 13.00 Uhr die erste Messung unterhalb des Rauchwolkenzugwegs gemacht.
Nur - zu diesem Zeitpunkt war das Feuer nach Protokoll weitgehend gelöscht und die Wolke schon nördlich von Solingen...

2. Proben

Es wurde nur 4 Ruß-/Wisch-Proben analysiert. Eine 5. Probe (durch Anwohner gelieferte Rußflocke) wurde verworfen.
Diese wurden auf
a) Dioxine und Verwandte und b) auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe untersucht.

Das ist zielführend, das dies Leitstoffe für die gesamt Rauchgas-Gefährdungslage sind. Man kann dem LANUV zugestehen, daß das zunächst eine Notanalyse ist, um die Bevölkerung zu beruhigen.
Interessant ist der Hinweis des LANUVs, daß ihre Analyse-Methode (Laser-Raman-Spektro-skopie) versagte, also blieb nur die zeitaufwendige klassische quantitative Analyse/ Extraktionskaskade...

Weitere Proben müssen zwingend folgen, insbesondere nach gradkettigen und insbesondere ringförmigen Halogenkohlenwasserstoffen.
Diese sind hochgradig persistent und bioverfügbar. Und akkumulieren in den Nahrungsketten!

3. Feuerwehr

Sehr unbefriedigend bleiben auf jeden Fall die Analyseergebnisse der Feuerwehren. Diese untersuchten nur CO, HCl, NOx, CO2 und gesamt C, diese Stoffe entstehen bei fast jedem Feuer (auch Lagerfeuer) und sind mindertoxisch und kein wirklich belastbarer Indikator für Langzeitfolgen der Stoffe der Giftwolke. Allenfalls für akute Giftwirkungen.

4. Tankinhalt

Völlig unklar bleibt bisher der Inhalt/die Menge der Tanks - eine von mir gestellte Anfrage liegt beim LANUV vor. Die Bezirksregierung als Aufsichtsbehörde bekommt morgen meine weiter verfeinerte Anfrage nach Umweltinformationsgesetz.
Dazu stellt sich auch die Frage, warum so große Mengen eingelagert wurden, die das Gefahrenpotential sogar noch deutlich weiter vergrößern hätten können. ("... ein Übergreifen auf weitere Tanks konnte verhindert werden...", Berichte)

Meiner Einschätzung nach sind die Stofflisten KEIN Betriebsgeheimnis, da aus diesen keine Rückschlüsse auf die chemischen Verfahren gezogen werden können. Zumal Currenta selbst sagt, es sind Gemische, welche keine Einsicht in Betriebsgeheimnisse ermöglichen.

5. Löschmittel AFFF

Die verwendeten Löschmittel und das Wasser sollen angeblich vollständig auf dem Gelände aufgefangen worden sein. Dies kann nicht überprüft werden und es bestehen Zweifel, ob staatliche Stellen dies können oder wollen.

Entscheidend ist aber der Fluoranteil in den AFFF:

Umwelt- und Gesundheitsaspekte
Einige der in AFFF enthaltenen per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) bzw. ihre Abbaustoffe gelten als persistente organische Schadstoffe.[1] Besonders sind in dieser Hinsicht Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) und Perfluoroctansäure (PFOA) aufgefallen.[2] Sie sind mittlerweile in Schaummittel weitgehend verboten.[3] Aufgrund dieser Verbote enthalten heutige AFFF-Schaummittel anstelle der früher verwendeten langkettigen PFAS wie PFOS[4] sogenannte C6-Telomere wie etwa Perfluoralkylbetaine (z. B. Capstone Fluorosurfactant 1183 oder Capstone Produkt B),[5][6] die in der Umwelt aber ebenso persistent und zusätzlich mobiler sind.[7] Durch den Einschub einer C2H4-Einheit zwischen perfluorierter Kette und polarer Gruppe wird das Telomer zu Telomersulfonaten abgebaut. Es gibt Bestrebungen auf europäischer und internationaler Ebene weitere PFAS zu regulieren und insbesondere die Verwendung in AFFF weitgehend zu beschränken.[8][9]
(https://de.wikipedia.org/wiki/AFFF)

An dieser Stelle ist der knappe Hinweis des LANUVs wohl nur als (gezielte) Verharmlosung zu bezeichnen.


6. Dioxine und Anverwandte

Erfreulicherweise sind die Befürchtungen zur Dioxinbildung in den 4 Proben nicht nachweisbar/ knapp oberhalb der Hintergrundbelastung.
Dies bedeutet vorläufige Entspannung.
In der Sache sind weitere Proben zwingend notwendig, und zwar auch nordöstlich entlang des Zugwegs der Wolke. Und natürlich Langzeit-Monitoring der Böden und Anbauprodukte der betroffenen Gebiete.

7. Vermögensschäden

Currenta wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, das durch dieses Unglück Vermögenssschäden an Boden- und Immobilienwerten in ganz erheblichem Millionen-Umfang verursacht wurden. Böden und Gebäude in den betroffenen Gebieten werden einen deutlich zurückgehenden Marktpreis erhalten - denn wer kauft schon Grundeigentum in Hochrisikogebieten der Chemieindustrie (und der künftigen Hochwasserzonen...).

Soweit zunächst meine vorläufige Bewertung der bisher bekannten Fakten.

Gruss Frank Pathe


Frank Pathe
(Dipl.-Geoökologe)